2. Dezember 2017

2. Dezember 2017

Die Schneekugel

Annekäthi, die alte Sonnenmatt-Bäuerin, blieb vor dem Hotel Engel stehen.
Der Himmel sah nach Schnee aus. Hinter jeder Dorfecke schmeckte man den kommenden Advent. Es war grau. Düster. Und eisig kalt. Noch waren die Geschäfte geschlossen. „Ein totes Dorf …“, knurrte die Bäuerin „… und eine Woche vor Weihnachten ist dann hier der Teufel los!“
„was brummelst du wieder vor dich hin?“, lachte Göpfi, der Milchwirt von der Engstligenalp.
Annekäthi schaute auf: „Ist doch wahr … das ganze Jahr tote Hose. Nur wenn der Himmel uns Schnee schickt, kommt Leben in die Bude … und mit den weissen Flocken auch der Touristenstrom …“
„Und das hier ist eine Schande!“ Annekäthi zeigte mit ihrem Kopf zum „Engel“. „Kein Weihnachtsschmuck … keine Lichter … Edi lässt das Haus total verkommen … Gottlob muss das Rebecca nicht mehr miterleben …“
„Ja“, nickte Göpfi. Und nahm seine kalte Pfeife aus dem Mund: „Mit Rebecca war das Hotel eine Pracht. Immer zu Weihnachten hin hat sie die Balkone mit Sternenlichtern geschmückt. Das war schon fast ein bisschen Weihnachtsmärchen im Dorf …“
„Die arme Rebecca …“, seufzte Annekäthi und machte sich auf den Weg: „… und der arme Thomas.“
Göpfi blieb noch einen Moment stehen. Er dachte an die junge, schöne Wirtin des „Engels“. Sie war die goldene Sonne im Dorf gewesen. Damals waren im prächtigen Hotel die Gäste ein und aus gegangen. Ob im Sommer. Ob im Winter. Der „Engel“ war immer voller Lachen – und Rebecca das Herz des Hauses. Bis die Sache mit dem Unfall passierte.

Thomas sass vor seinen Teller mit Röschti. Er rührte ihn nicht an.
„Du musst essen, Bub,“ sagte Svetla, die tschechische Serviertochter, und strich ihm über den Kopf. Seit drei Jahren war sie nun im Haus. Der Bub war ihr ans Herz gewachsen. Sie setzte sich zu ihm hin: „Weshalb bist du immer so traurig, Thommy? Und dein Vater so verbittert …?“
„Er ist nicht mein Vater“ flüsterte Thomas.
Gut. Svetla wusste Bescheid – beim Vorstellungsgespräch hatte ihr Edi eröffnet: „Meine Frau ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Thommy ist ihr Sohn. Sie werden sich um ihn kümmern müssen … ich habe andere Sorgen!“
Svetla sagte zu. Packte an. Sie schaffte es, dass sich die Skitouristen wieder wohlfühlten.
Als sie an Weihnachten jedoch das Hotel festlich schmücken wollte und einige Lichter nach Hause brachte, blaffte sie Edi an: „Es kommt mir kein Licht ans Haus. Nichts von diesem Firlefanz. Es bleibt, wie es ist … keine sentimentale Weihnachtsstimmung, bitte …“
„Aber die Gäste“, stammelte Svetla.
„Was gehen mich die Gäste an?“ hatte Edi geknurrt.

Thomas sass noch immer schweigend am Tisch. Er spielte mit der Schneekugel: „Die hat Mama mir geschenkt. Vier Tage bevor es passiert ist …“
Svetla setzte sich nahe zu ihm. „Was ist denn passiert, Thommy? Willst du mir nicht erzählen? … Niemand sagt mir etwas … alle reden immer nur von Rebecca. Und dass sie der Engel im „Engel“ gewesen sei …“
„Sie war sie beste Mutter der Welt“, flüsterte der Kleine. „Sie ist wie du aus dem Ausland hierhergereist. Und brache mich als Baby mit. Edi gab ihr Arbeit im Hotel. Er war vom ersten Tag an verlieb in ihre fröhliche Art. Dann hat er sie geheiratet. Und Mama hat aus dem Haus das schönste Hotel des Ortes gemacht. An Weihnachten wurde es ein Sternenpalast. Überall hing sie Lichter auf. Sie dekorierte die Stube mit Tannenästen und verglimmerten Christrosen. Edi hat sie ausgelacht: ‚So ein Kitsch … aber wenns dir Freude macht, Rebecca …’ “
Der Kleine hielt einen Moment inne: „Es hat a l l e n Freude gemacht. Die Leute liebten die Weihnachtszeit im „Engel“ …“
„Und dann?“, fragte Svetla sanft.
„… und dann kam dieser Tag, wo Mama mit mir Ski fahren ging. Es war eine Woche vor Weihnachten. Ich war erst sechs Jahre als. Aber ich fuhr schon recht gut …“
Er stockte: „… ich soll keinesfalls die schwarze Piste nehmen. Die sei zu gefährlich, hatte Mama mir eingebläut. Aber ich hörte nicht auf sie. Fuhr davon. Und alles war so steil … plötzlich konnte ich nicht mehr bremsen. Ich schrie. Und liess mich fallen. Da sah ich Mama, wie sie in ihrer roten Windjacke zu mir fuhr … sie war keine gute Skifahrerin … im Land, wo sie aufgewachsen war, gabs keinen Schnee. Sie konnte auch nicht mehr bremsen …“
Der Kleine begann zu weinen. „Sie jagte an mir vorbei … plötzlich hörte ich diesen Schrei … und dann war alles ruhig. Eisig still …“
Den Rest der Geschichte hatte Svetla schon hundert Mal von den Gästen zu hören bekommen. Man fand Rebecca unter einer Felswand. Tot.
Thomas schüttelte die Schneekugel: „Mama hat gesagt, sie würde immer schneien. Aber …“ Thommys Stimme brach: „… aber seit drei Tagen schneit sie nicht mehr. Es ist, als wäre der Schnee eingefroren!“
In diesem Moment kam Edi in die Wirtsstube. Er schaute auf den Jungen: „Was heulst du da … und was willst du mit der verdammten Schneekugel?“
Thommy wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht: „Sie ist wie eingefroren, Edi … und Mama hat gesagt, dass die Kugel immer schneien werde … sie sei dann bei mir!“
Edi baute sich vor dem Jungen auf. Und brüllte: „Hör auf damit! Deinen Mutter ist tot … TOT!“ Seine Augen funkelten den Jungen zornig an: „… und du bist schuld daran.“
„Edi! Es ist genug!“, sagte Svetla scharf.
Thomas sass kreideweiss vor seinem Essen. Dann erhob sich das Kind langsam: „Ja – ich bin schuld daran!“
Wortlos ging der Bub aus der Wirtsstube.
„Das hättest du nie sagen dürfen!“, sagte Svetla dem Wirt vorwurfsvoll.
Plötzlich sackte der mit einem lauten Schluchzen in sich zusammen: „Ich weiss … ich bin ein schrecklicher Stiefvater, Svetla, der Kleine hat mich zurecht noch nie Papa genannt … und das ist sicher meine Schuld … ich war immer so eifersüchtig auf ihn. Er war bei Rebecca erste Wahl … alles drehte sich um ihn … dann um die Gäste … und für mich blieb kaum Zeit …“
Edi sass am Tisch. Der Schmerz schüttelte ihn durch. „… und als sie ihm diese Schneekugel schenkte … als ich hörte, wie sie sagte, sie sei immer für ihn da, solange es in dieser Kugel schneien würde … da fühlte ich mich so jämmerlich alleine. Verlassen …“
Edi schneuzte sich nun in sein rotes Taschentuch: „Entschuldige, Svetla, ich habe mich gehen lassen … aber es tat gut, mal alles auszusprechen.“
Svetla klopfte ihm auf die Schulter „Ist schon ok, Edi – vermutlich haben Rebecca und du wenig über die wichtigen Dinge im Leben geredet … und wichtige Dinge sind: Gefühle zeigen. Und sie aussprechen …“

Am folgenden Tag lag Thomas mit Fieber im Bett. Svetla schickte nach dem Arzt. Der diagnostizierte eine Grippe.
In der Nacht stieg das Fieber bedrohlich. Und der Arzt wollte Thomas ins Spital verlegen.
Jetzt schüttelte Edi den Kopf: „Nein. Ich schaue zu ihm. Ich werde mein Bestes geben. Und Svetla auch …“
Eine Nacht und einen Tag sassen die beiden am Bett des Jungen. Thomas hatte die Augen geschlossen. Als Svetla aus dem Zimmer ging, um neue Bettwäsche zu holen, nahm Edi die Hand des Jungen: „… es tut mir leid, Thomas … ich habe Mist geredet … man kann nicht gegen das Schicksal angehen … niemand kann das … und so bist du auch nicht schuld am Tod deiner Mutter … sie hat dich so fest geliebt, dass es mich schmerzte … werde wieder gesund … ihretwegen. Und auch meinetwegen. Denn du bist das Einzige, was mir von ihr geblieben ist …“
In diesem Moment spürte Edi, wie die kleinen Finger des Buben seine Hand drückten.

Die ersten Skigäste kamen ins Haus. Einer von ihnen war Arzt. Und Edi erzählte ihm von Thomas.
„Darf ich ihn sehen?“, fragte der Doktor lächelnd.
Am Bett untersuchte er den Jungen.: „Ich bin der Max. Dein Vater macht sich grosse Sorgen um dich …“
Der Kleine hielt die Augen geschlossen. Aber auf seinem fiebrigen Gesicht zeigte sich ein kleines Lächeln Es war, als würde erstmals die Sonne durch die grauen Regenwolken scheinen …

In der Wirtsstube setzte sich Max zu Edi „Ich glaube, er ist über dem Berg. Es scheint eine psychische Erschöpfung zu sein … drei, vier Tage Ruhe. Und die Sache wird sich geben …“
In diesem Moment brach alles aus Edi heraus: „Ich war so ein Schwein … ich war zu hart zu ihm …“
„Du warst vor allem hart zu dir selber …“, sagte im Svetla, während sie ihm die Schulter streichelte.
Da schaute ihr Edi in die Augen: „Svetla … in vier Tage ist Weihnachten … wir haben das Haus nicht geschmückt … auf dem Estrich liegen Rebeccas Lichterketten … und die versilberten Christrosen … wir wollen das Haus schmücken, für Thommy … für die Gäste … fürs ganze Dorf … und für Rebecca.“
„… und für dich“, lächelte Svetla.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde der „Engel“ wieder zum Weihnachtsmärchen. Wie ein Lauffeuer ging das durchs Dorf: „Der Edi will sein Hotel schmücken … es soll bis Weihnachten fertig sein … wer hilft mir?“
Es kamen alle.
Am Heiligen Abend versammelten sich nicht nur die Ski-Touristen im „Engel“. Auch die Dorfbewohner kehrten ein.
“Wie geht’s Thommy?“ Die Sonnmatt-Bäuerin nahm Svetla am Arm. Sie balancierte eben ein Tablett mit Tee-Rum-Gläsern vorbei. „Danke, Annekäthi … er hat kaum mehr Fieber. Und isst wie ein junges Kalb.“
Die Bäuerin strich sich zufrieden die Trachtenschürze glatt: „So ist es recht. Und ehrlich – so schön hat das Haus nicht einmal bei Rebecca ausgesehen … du hast es wunderbar geschmückt, Svetla!“
Edi lachte Annekäthi an: „Danke fürs Lob – da habe i c h auch mitgeholfen …“
In diesem Moment öffnete sich die Türe zum Privée. Auf der Schwelle stand Thomas. Er hielt seine Schneekugel in der ausgestreckten Handfläche. Und ging auf Edi zu: „Schau nur … sie schneit wieder … SIE SCHNEIT!“
Dann schaute der Junge Edi in die Augen: „Ich schenke sie dir, Papa – als Erinnerung an Mama. So ist sie immer bei dir …“
Edi nahm den Buben in die Arme. Tränen kullerten ihm über das ganze Gesicht. „Danke dir, mein Sohn“, stammelte er, „ich danke dir … und ich verspreche dir, dass ich auch immer für dich da sein werde …“
In diesem Moment riefen die Glocken der alten Dorfkirche die Leute zum Gottesdienst. Annekäthi drückte sich die Trachtenhaube zurecht. Sie schaute zur offenen Wirtschaftstüre: „Schaut nur … es hat zu schneien begonnen …“

Minu; Schüfeli auf Bohnen. Etwas andere Weihnachtsgeschichten, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, 2. Auflage 2017