23. Dezember 2017

Für diese besonders schöne Fotografie danke ich Helen Wehrli, die das Auge und die Fertigkeit hat solche Mo-mente festzuhalten.

Andrey – der Geiger

Wie ein feiner Schleier breitet sich die Nacht über die Stadt.

Es wurde früh dunkel.

Bis drei Uhr war das Treiben in den Strassen hektisch gewesen. Gestresste Ehemänner haben verzweifelt auf eine Eingebung gewartet: Was lege ich ihr als Überraschung unter den Baum? Und natürlich wurde es dann doch wieder das Badesalz mit dem Büchergutschein.

In den Altersheimen warteten die Grossmütter frisch dauergewellt ungeduldig darauf, von ihren Lieben abgeholt zu werden. Dies zumindest e i n m a l im Jahr …

Für „Surprise“-Verkäufer, Strassenmusikanten und die Heilsarmee mit ihren Sammeltöpfen ist der 24. Dezember ein guter Tag. Die Leute sind grosszügiger als sonst.

Auch für Andrey ist es ein guter Tag gewesen. Zwar haben die Menschen sein Geigenspiel kaum wahrgenommen. Viele warfen ganz automatisch ein paar Münzen in seinen Violinenkasten – und nur ganz wenige sind stehen geblieben. Sie haben den Melodien des Strassengeigers für einen kurzen Moment gelauscht. Sich vielleicht gefragt: „Weshalb muss dieser begnadigte Musiker auf der Strasse spielen?“ Doch dann schauten sie auf ihre Uhr: nein. Die Sösslein, die zum Fondue Chinoise noch zubereitet werden müssen, liessen keinen Aufschub zu. Die Zeit drängte. Um halb acht sollen die Kerzen am Baum angezündet werden …

Andrey packte seine Geige in den Kasten. Und zog durch die Strassen, in denen es jetzt immer stiller wurde. Eine leise Traurigkeit hatte ihn überfallen – es gab für ihn auch am Heiligen Abend kein festes Zuhause. Manchmal übernachtete er im Obdachlosenheim, manchmal in dieser Heilsarmee-Pension am Rhein. Im Sommer hatte er auch öfters die Nacht auf einer Parkbank verbracht. Er konnte sich keine Wohnung leisten – all sein Geld, das er als Strassenmusikant einspielte, schickte er seinem schwer kranken Vater nach Irkutsk.

Er war in dieser sibirischen Stadt geboren. Seine Familie war arm. Auch nachdem alle eisernen Vorhänge in seinem Land gefallen waren, hatte sich da nichts geändert. Die klirrende Kälte blieb – die klirrende Armut auch. Der Rubel rollte nur für ganz wenige im neuen Russland.

Mit fünf Jahren hat er erstmals auf der alten Geige seines Vaters gespielt. Mit zehn Jahren galt er in Irkutsk als Wunderkind. Und als er mit 16 Jahren in Chabarowsk sein erstes Konzert gab, überschlugen sich die russischen Kritiker. Sein Vater aber drückte ihm ein Couvert in die Hände: „Das ist alles, was ich habe … fahre in die Schweiz, in diese Stadt, wo sich nur die Besten aller Musiker zur Ausbildung treffen. Versuche einen Platz in dieser Scola Cantorum zu bekommen. Die Stadt und diese Schule werden dir Flügel verleihen …!“

„Du brauchst das Geld für die Medizin …“, wandet Andrey ein. Der Vater winkte ab: „Deine Musik ist meine beste Medizin!“

Die Zugfahrt dauerte fünf Tage. Als er sich in der Schule meldete, lächelten die Leute dort nachsichtig: „Das geht leider nicht … es kommen so viele … Tausende … wir haben Wartelisten … Sie müssen von einem Professor empfohlen werden …“

Nach sechs Tagen hatte er kein Geld mehr. Der Rubel reichte n diesem teuren Land nicht weit. Also nahm er seine Geige. Spielte auf Strassen und Plätzen. Und oft blieben die Leute verblüfft stehen. In ihre Augen kam ein Leuchten. Und es war, als würde Andrey sie in eine Welt der Regenbögen entführen.

Das Geld, das sie in den Geigenkasten warfen, wurde Medizin für seinen Vater. Und wenn er sich mitunter den Luxus leistete, nach Hause anzurufen, spürte er dieses entsetzliche Heimweh, das wie Feuer in ihm loderte.

Der Vater ermahnte ihn, durchzuhalten: „Im Leben hat alles seine Zeit, Andrey. Bald kommt Weihnachten. Und mit Weihnachten kommt dieser wunderbare Moment, wo Wünsche sich erfüllen können … hab Geduld.“

Andrey wolle an diesem Heiligen Abend zu Hause anrufen. Es war ein Weihnachtsgeschenk, das er sich und seinem Vater machen würde.“

Plötzlich hörte er Stimmen. Lieder. Sie kamen von diesem prächtigen Platz mit der sandsteinfarbigen Kathedrale. Ein Posaunenchor begleitete die Menschen, die in einem Kreis standen. Und Weihnachtschoräle sangen.

Andrey hörte zu. In diesem Moment fühlte er sich seiner Heimat nahe. Er spürte wohl den Schmerz des Heimwehs, aber auch ein zärtliches Glücksgefühl.

Langsam holte er sein Instrument aus dem Kasten. Und begleitete die Sänger. Als die Glocke des Münsters schlug, blieb Andrey bei der grossen Pforte der Kirche stehen. Er spielte ganz alleine. Für sich und diese Stadt – für seinen Vater und für seine grosse Liebe: die Musik.

Er sah das junge Mädchen nicht, welches auf dem Müsterplatz zurückgeblieben war. Dieses lauschte seinem Spiel. Schliesslich ging es auf den Geiger zu: „Woher kommst du?“

Andrey lächelte: „Ich heisse Andrey. Und komme aus Irkutsk …“

„An Weihnachten soll man nicht alleine sein. Komm mit …“ Das Mädchen nahm ihn bei der Hand „Du spielst mega gut …“

Das grosse Haus war vollgestopft mit Büchern, Noten und Instrumenten. Eine ältere Frau schaute etwas unsicher zu den beiden: „Ach, Bea, wir habe doch nur Schüfeli auf Bohnen und…“
Bea winkte lachend ab: „Er kommt nicht des Essens wegen, Omi …“ Dann zu Andrey: „… das ist Herta, meine Grossmutter. Sie kocht miserabel, spielt aber umso göttlicher Klavier …“
Im grossen Zimmer mit dem Flügel funkelte ein Weihnachtsbaum. Herta legte ein weiteres Gedeck auf den Tisch – ein weisshaariger Mann gesellte sich zu den beiden jungen Leuten. Und Bea stellte ihn vor: „Das ist Alex, mein Opa. Der beste Flötenspieler der Welt …“
Während die Grossmutter in der Küche hantierte, skizzierte Andrey in kurzen Worten sein Leben in Basel. Er berichtete von seinem kranken Vater in Irkutsk. Dabei schaute er Alex lange an: „Du hast seine Augen, sein Haar und sein Lächeln …“
Schliesslich erzählte er von seinem grossen Wunsch, die berühmte Musikakademie der Stadt zu besuchen … und davon, dass sein Vater glaube, dass an Weihnachten alle Wünsche in Erfüllung gehen würden.
Später musizierten sie zu dritt. Schliesslich aber unterbrach Andrey abrupt das Spiel: „Es war so wunderschön – ich habe alles um mich herum vergessen. Dürfte ich vielleicht meinen Vater anrufen?“
Der alte Mann schob ihm das Telefon hin: „Wer das Leben um sich vergisst, um in die Welt der Klänge einzutauchen – das ist ein berufener Musiker!“
Als Andrey die Nummer von Irkutsk eingestellt hatte, antwortete niemand. Später erreichte er eine Nachbarin. Sie sprach leise: „Andrey, es ist so traurig … du musst jetzt stark sein … dein Vater ist heute Mittag für immer eingeschlafen.“
Lange Zeit redete keiner der drei ein Wort. Vom Nachbarhaus hörte man leise das Lied „Stille Nacht“. Da griff Andrey zur Geige. Er spielte ein unbekanntes Stück. Und er spielte so schön, wie er noch nie auf seiner Violine gespielt hatte. Heisse Tränen kullerten über sein Gesicht: „Es ist eine Eigenkomposition. Ein Dankeschön an meinen Vater“, flüsterte er.

Es war fünf Jahre später, als Bea am vierten Advent in der ersten Reihe des vollbesetzten Musiksaals sass. Ihre Freundin sah sie von der Seite an: „… und dein Grossvater hat ihn dann wirklich in die Akademie gebracht?“
Bea lächelte: „Nun ja. Er musste seine Kollegen dort lange bestürmen. Doch schliesslich hat Andrey fünf Professoren vorspielen dürfen – und natürlich sofort einen Studienplatz bekommen. Nach drei Jahren rissen sich bereits die Konzerthäuser um ihn. Er hat Basel verlassen, hat uns aber immer wieder aus aller Welt angerufen. Dieses Konzert hier ist quasi eine Hommage an Weihnachten … weil er hier erstmals dieses Fest richtig erlebt hat.“
Frenetischer Applaus ertönte. Der junge Künstler nickte kurz dem Dirigenten zu – sofort wurde es still im Saal.
Andrey griff zum Bogen – und die Menschen spürten Glück und Schmerzen seiner Musik. Es war, als würden sie die Töne in Himmel und Hölle zugleich entführen.
Bea erkannte die Melodien – es war das Stück, das er schon einmal an Weihnachten gespielt hatte. Damals für seinen verstorbenen Vater.
Heute spielte er es in diesem grossen Saal ganz alleine für diese Stadt. Und für sie, die an jenem Heiligen Abend ein kleines Mädchen gewesen war. Sie hatte ihn an der Hand genommen. Und ihm den Glauben an das Wunder von Weihnachten geschenkt.

Minu; Schüfeli auf Bohnen. Etwas andere Weihnachtsgeschichten, Friedrich Reinhardt Verlag, Basel, 2. Auflage 2017